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Fünf Bauhaus-Prinzipien für die Digitalisierung

Blog für Gesellschaft und Digitalisierung

Fünf Bauhaus-Prinzipien für die Digitalisierung

„Standardformen, die nicht ununterbrochen überprüft und erneuert werden, veralten.“
– Gropius 1883 – 1969 – Begründer der Kunstschule Bauhaus

Die Kunstschule des Bauhaus folgte Prinzipien, deren Berücksichtigung auch in anderen Bereichen dienlich sein kann, so auch bei der Digitalisierung.

Fünf Prinzipien

Ich greife dafür fünf Prinzipien heraus, auf die ich später genauer eingehe. Das sind

  1. Form folgt der Funktion -> Die Anforderung beschreibt das WAS und nicht das WIE
  2. Wiederholbarkeit der Produktion -> Standardisierung hilft bei der Umsetzung
  3. Auflösung der Grenze zwischen Künstler und Handwerker -> Interdisziplinäre Teams
  4. Ökonomisches Vorgehen durch Einfachheit und Effektivität -> Agile Vorgehensweise und Wirtschaftlichkeit
  5. Ständige Überprüfung der Funktion und Technik -> Evaluierung auf veränderte Prozesse oder Kundenanforderungen und neue Möglichkeiten durch Technologie (Siehe Zitat zu Beginn des Textes)

Der spannende Bezug zur agilen Vorgehensweise ist die Auflösung der bestehenden Silostrukturen bei gleichzeitiger Stärkung der Prozessstruktur. Dies ist ein ständiges Spannungsfeld, da die Prozessstrukturen mit ihrer Wiederholbarkeit zu Silobildung drängen, was aber durch die interdisziplinären Teams verhindert werden soll.

Im Folgenden erläutere ich die fünf Prinzipien detaillierter.

Form folgt der Funktion

Ein wichtiges Prinzip des Bauhaus lautet Die Form folgt der Funktion
Als erstes sollte die Frage: „Was soll gemacht werden ?“ beantwortet werden, bevor die Frage „Wie soll es gemacht werden“ beantwortet wird. Diese Philosophie im Kopf zu behalten hilft auch bei der Digitalisierung.
Beispiele für das Prinzip „Form folgt Funktion“ könnten folgende Szenarien sein: Der Stadtrat möchte eine App für die Verbesserung der Sauberkeit in der Stadt. Bevor nun eine App in Auftrag gegeben wird, sollte die Verwaltung prüfen, WAS sie möchte, was das Ziel ist, bevor es ans „WIE“ geht. Denn eine App ist nur eine Lösungsvariante beziehungsweise nur ein Baustein auf dem Weg zum Ziel, die Sauberkeit der Stadt zu verbessern.
Ein Unternehmen möchte die Prozessqualität verbessern und bestellt dafür eine Software, die die Ergebnisse am Ende des Prozesses prüfen soll. Eine alternativer Ansatz wäre gewesen, vor Beauftragung der Prüfsoftware, die nur am Prozessende Wirkung zeigt, zusätzlich eine Prozessoptimierung in früheren Phasen des Ablaufes zu prüfen. Leider ist diese Option schon durch die Vorentscheidung bei der Lösungswahl der vielleicht größere Nutzen nicht mehr im Fokus.
Bei jeder Umsetzung ist zu prüfen, wie leistet sie einen Beitrag nicht nur zur Problemlösung sondern auch zum Unternehmensziel.

Serienproduktion

Ein weiteres Prinzip ist die Serienproduktion -> Aufteilen der Herstellungsprozesses in wiederholbare Produktionsschritte. Das ist auch in diversen Unternehmensprozessen relevant. Wiederholbarkeit steigert die Qualität. Sie bietet standardisierte Qualifizierung und standardisierte Werkzeugketten bei der Herstellung. Wenn man ein Lösungskonzept erarbeitet hat, kann man sich fragen ob dieses Konzept auch bei anderen Problemen helfen würde. Und schon hat man Wiederholbarkeit. Natürlich ist hier auch die Balance zwischen zu viel Standard und zu wenig Standard zu beachten, wie ich es schon in früheren Aufsätzen beschrieben habe. Diese Form der Standardisierung entspricht zwar nicht ganz dem, was Gropius sich da vorgestellt hatte, aber man kann das Konzept der Wiederholbarkeit bei der Digitalisierung anwenden.

Auflösung der Rollen-Silos

Ein weiteres Prinzip ist die Auflösung der Grenze zwischen Handwerker und Künstler. Der Künstler soll die Handwerkskünste verstehen und der Handwerker soll die Kunst verstehen. Dies führt zu einem neuen Verständnis der Anforderungen, Materialen und handwerklichen Verarbeitung, die den Lösungsraum enorm erweitert. Auf die Digitalisierung angewendet bringt dieses Prinzip ein gegenseitiges Verständnis zwischen den Fachbereichen und der IT, welches notwendig ist, die Digitalisierung als Werkzeug einzusetzen. Die Grenzaufhebung wird in agilen Organisationen als BizDevOps bezeichnet und ist die organisatorische Grenzaufhebung zwischen Fachbereichen und Softwareentwicklung. Hier arbeiten Teams bestehend aus IT und Fachbereichen zusammen. Diese Teams sind für ganze Kundenanliegen verantwortlich, von allen Arten der Kundeninteraktion bis zu den Prozessabläufen der Abarbeitung des Anliegens. Diese Interdisziplinarität hilft es der IT zu verstehen, welche Implikationen die Softwareentwicklung auf die Kunden und Mitarbeiter hat, und andererseits hilft es den Fachbereichen die Auswirkungen von Anforderungen zu verstehen.

Ökonomisches Vorgehen

Ökonomisches Vorgehen ist für das Bauhaus eine wichtige Grundlinie gewesen: Weg von schnörkeligen und blumigen Auschmückungen, die keinen funktionalen Nutzen innehatten. Beschränken auf das Notwendige. Beim agilen Vorgehen folgt man ähnlichen Grundlinien: Man beginnt mit der einfachsten Ausprägung der Lösung, die noch nicht alle Eventualitäten beinhaltet, aber schon einsetzbar ist. Diese kann dann schrittweise durch Erweiterungen ergänzt werden. Mit der Zeit sind die wichtigsten Lösungsanteile umgesetzt und es ergeben sich automatisch erste schnörkelige Ausprägungen und Verzierungen an der Lösung. Um dies zu vermeiden greift das Prinzip der ständigen Evaluierung.

Ständige Überprüfung der Situation

Die ständige Überprüfung von Form, Funktion und Werkstoffen entspricht der ständigen eine grundlegendes Prinzip der Digitalisierung auf Veränderung der Rahmenbedingungen, des Nutzerverhaltens oder der technologischen Möglichkeiten.
In der agilen Organisation werden nach den einzelnen Umsetzungsphasen sogenannte Retrospektiven abgehalten, die aufzeigen können, was verbessert werden oder was so bleiben kann. Die eingesetzten Lösungen sollen ebenfalls regelmäßig auf den Prüfstand gesetzt werden. So sind die Anwender zyklisch zu befragen, was bei digitalen Lösungen im Onlinebereich einfach über Feedbackabfragen erfolgen kann, aber auch über detaillierte Befragungen und Prüfungen.

Diese Prinzipien sind nicht zwingend zu befolgen, aber sie bieten Unterstützung, um im Rahmen von Digitalisierungsvorhaben zu reflektieren und damit den steinigen Weg der Digitalisierung hoffentlich ein wenig ebnen zu können.

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