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Wohlwollen im Gespräch: Warum wir einander das Gute unterstellen sollten

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Wohlwollen im Gespräch: Warum wir einander das Gute unterstellen sollten

Zwei Köpfe im Profil wenden sich einander zu. Der sprechende denkt an einen grünen Kreis, der zuhörende versteht einen roten Stern – Symbol für unterschiedliches Verständnis.

„Jeder gute Christ muss mehr bereit sein, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen. Und wenn er sie nicht retten kann, so erkundige er sich, wie jener sie versteht.“ — Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Nr. 22

Diese Sätze stellte Ignatius von Loyola vor fast 500 Jahren seinen Geistlichen Übungen voran, als Grundregel für jedes Gespräch zwischen Begleiter und Begleitetem. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um darin eine auch heute gültige Anleitung für Zusammenarbeit zu erkennen: erst retten, dann nachfragen, zuletzt urteilen.

Gespräche gelingen einfach besser, wenn wir einander zunächst die beste Absicht unterstellen. Missverständnisse lassen sich nicht vermeiden, aber Wohlwollen entscheidet darüber, ob sie ein Gespräch zerstören oder voranbringen.

Eine ganz normale Szene

„Hast du die Unterlagen schon angeschaut?“ Eine harmlose Frage, gestellt im Vorbeigehen. Die eine Person meint sie als freundliche Erinnerung. Die andere hört einen Vorwurf: Du bist mal wieder zu spät dran.

Was dann passiert, kennen wir alle. Die Antwort fällt knapper aus als nötig. Die erste Person wundert sich über den gereizten Ton und wird ihrerseits vorsichtiger. Nach wenigen Sätzen ist die Stimmung gekippt, obwohl niemand etwas Böses gewollt hat.

Warum Missverständnisse unvermeidlich sind

Missverständnisse sind kein Zeichen für schlechte Kommunikation. Sie sind der Normalfall. Was ich sage, ist nie ganz das, was ich meine. Und was du hörst, ist nie ganz das, was ich gesagt habe.

Zwischen Sender und Empfänger liegen viele Filter: Erfahrungen, Erwartungen, die Beziehung zueinander, die Tagesform. Wer müde oder unter Druck ist, hört Kritik, wo keine gemeint war. Wer schon einmal enttäuscht wurde, hört die alte Enttäuschung mit.

Hinzu kommt, dass sich unsere Gesprächsformen verändert haben: Viele Gespräche laufen heute schriftlich. In Mails und Chats fehlen Tonfall, Mimik und Gestik. Diese Wahrnehmungslücke neben dem ausgetauschten Text können wir selbst füllen. Entweder mit unseren eigenen Befürchtungen oder mit unserem Wohlwollen.

Das Prinzip der wohlwollenden Interpretation

In der Philosophie gibt es dafür einen Namen: das Principle of Charity, das Prinzip der wohlwollenden Interpretation. Es besagt, dass wir eine Aussage zunächst so verstehen sollten, dass sie möglichst vernünftig und sinnvoll erscheint. Erst dann prüfen wir sie kritisch.

Den Begriff prägte Neil L. Wilson 1959, bekannt gemacht hat ihn der amerikanische Philosoph Donald Davidson. Für ihn ist Wohlwollen keine Höflichkeitsregel, sondern die Voraussetzung jedes Verstehens: Wir können die Worte eines anderen überhaupt nur deuten, wenn wir ihm zunächst unterstellen, dass er vernünftig denkt und meistens Wahres meint. Wer diesen Vorschuss verweigert, hat am Ende nicht kritischer zugehört, sondern gar nichts verstanden.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht. Unser Gehirn ist auf Gefahrenerkennung trainiert. Eine mehrdeutige Bemerkung wird schnell als Angriff gelesen, weil das evolutionär die sicherere Annahme war.

Wohlwollen heißt, diesen Reflex bewusst zu überstimmen. Statt „Was will sie mir damit unterstellen?“ frage ich: „Was könnte sie eigentlich gemeint haben?“ Diese kleine Verschiebung verändert den ganzen weiteren Verlauf.

Die Spirale des Misstrauens

Misstrauen verstärkt sich selbst. Wer eine Spitze vermutet, antwortet defensiv. Das Gegenüber fühlt sich dadurch angegriffen und reagiert ebenso. Jede Antwort bestätigt den Verdacht der anderen Seite.

Nach wenigen Wechseln streiten zwei Menschen über etwas, das keiner von beiden je gemeint hat. Es geht dann nicht mehr um die Sache, sondern um Rechthaben und Gesichtwahren.

Wohlwollen durchbricht diese Spirale, und zwar oft mit einem einzigen Satz: „Habe ich dich richtig verstanden, dass …?“ Eine solche Rückfrage signalisiert: Mir geht es um Verständnis, nicht um den Sieg. Und meistens merkt man dann: So weit liegen wir ja gar nicht auseinander.

Wohlwollen ist dabei ansteckend. Wer wohlwollend behandelt wird, antwortet selten feindselig. So entsteht eine Aufwärtsspirale, in der beide Seiten offener werden.

Wohlwollen ist nicht Naivität

Wohlwollen bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder Kritik herunterzuschlucken. Man kann jemandem die beste Absicht unterstellen und trotzdem deutlich widersprechen. Gerade dann wird Widerspruch oft erst hörbar, weil er nicht als persönlicher Angriff ankommt.

Wohlwollen ist ein Vertrauensvorschuss, kein Blankoscheck. Wer wiederholt erlebt, dass das Gegenüber bewusst verletzt oder täuscht, darf seine Einschätzung anpassen. Die Grundhaltung lautet also nicht „Alles ist gut gemeint“, sondern „Ich gehe zunächst davon aus, dass es gut gemeint ist“.

Und Wohlwollen gilt in beide Richtungen: Auch mir selbst darf ich zugestehen, dass ich mich manchmal ungeschickt ausdrücke.

Fünf Impulse (nicht nur) für den Arbeitsalltag

  • Kurz innehalten. Wenn eine Bemerkung irritiert, nicht sofort antworten. Ein Atemzug reicht oft, um vom Reflex in die Überlegung zu wechseln.
  • Die freundlichste Lesart suchen. Welche Absicht wäre die harmloseste, die zu diesen Worten passt? Mit ihr als Arbeitshypothese weitermachen.
  • Nachfragen statt deuten. „Wie meinst du das?“ klärt mehr als jede Interpretation im eigenen Kopf.
  • Schriftliches doppelt wohlwollend lesen. Mails und Chats wirken fast immer kühler, als sie gemeint sind.
  • Die eigene Absicht mitliefern. Wer selbst sagt, worum es ihm geht, macht es dem Gegenüber leichter, wohlwollend zuzuhören.

Wohlwollen ist eine Haltung, keine Technik

Es ist kein Trick, den man aus der Tasche zieht. Es ist eine innere Entscheidung: dem anderen zuzutrauen, dass er es gut meint, auch wenn er es gerade ungeschickt ausdrückt. Diese Haltung braucht Übung, besonders unter Zeitdruck und in Konflikten.

Sie lohnt sich überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen: in der Familie, im Team, in öffentlichen Debatten. Wohlwollen ist der Klebstoff, der Verständigung erst möglich macht.

Warum eine einzige Nachricht so unterschiedlich ankommen kann, erklärt ein bekanntes Modell aus der Kommunikationspsychologie: das Vier-Ohren-Modell. Darum geht es in einem folgenden Beitrag.

Quellen

  • Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen, Nr. 22
  • Neil L. Wilson: Substances without Substrata, The Review of Metaphysics 12 (1959)
  • Donald Davidson: Radical Interpretation, Dialectica 27 (1973)

 

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