Kasperackerackerweg 15, 90482 Nürnberg, Germany
+49 (176) 62650675
info@bertramgeck.de

Erst das Rathaus, dann der Rest: Warum der Deutschland-Stack eine Reihenfolge braucht

Orientierung im digitalen Wandel

Erst das Rathaus, dann der Rest: Warum der Deutschland-Stack eine Reihenfolge braucht

Illustration: Eine Straße führt zuerst an einem Rathaus (Station 1) und danach an einem großen Verwaltungsgebäude (Station 2) vorbei.

Alles gleichzeitig – und deshalb überall nur halb

Wer auf die Digitalisierung Deutschlands schaut, sieht einen Flickenteppich. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen arbeiten an Portalen, Registern, Identitäten und Schnittstellen – parallel, in unterschiedlichem Tempo und auf sehr unterschiedlichem Reifegrad.

Der Anspruch dahinter ist verständlich: Alles soll zusammenpassen, alles soll interoperabel sein, niemand soll zurückbleiben. In der Praxis führt dieser Anspruch aber oft dazu, dass sich die Großen nach den Kleinen richten müssen und die Kleinen an den Anforderungen der Großen scheitern. Das Gesamtsystem bewegt sich dann im Tempo seines langsamsten und seines kompliziertesten Teils zugleich.

Meine These

Die großen Sozialversicherungen sind digital weit, die Kommunen sehr unterschiedlich – den größten Nutzen in kurzer Zeit bringt deshalb ein Deutschland-Stack, der zuerst ins Rathaus kommt.

Die Sozialversicherungen bedienen digital und bürgernah Millionen von Menschen mit ihren Anliegen. Sie haben jede für sich hocheffiziente IT-Landschaften. Massenverfahren laufen dort hochautomatisiert, viele Prozesse sind schon Ende-zu-Ende digital. An ihnen hängen Renten, Krankenversicherungsschutz und Lohnersatzleistungen – sie müssen zuverlässig laufen. Ein Umbau darf den Betrieb nicht gefährden.

Ganz anders sieht es auf kommunaler Ebene aus. Es gibt Städte, die als Digitalisierungs-Leuchttürme zeigen, was möglich ist. Aber es gibt eben auch die vielen kleineren Gemeinden, in denen Digitalisierung kaum über das Online-Formular hinauskommt, das hinter den Kulissen ausgedruckt wird. Wie groß die Unterschiede sind, zeigt der Smart City Index des Bitkom: Schon unter den 83 deutschen Großstädten erreichen die kleinsten im Schnitt nur 66,8 von 100 Punkten, die Millionenstädte dagegen 87,5. Für Kleinstädte und Landgemeinden misst das niemand – man kann es sich aber ausmalen.

Darin steckt auch eine Chance: Wo noch wenig ist, muss wenig abgelöst werden. Viele Kommunen sind digital noch unbelastet. Genau dort kann eine gemeinsame Plattform am schnellsten Wirkung entfalten und zugleich für einen wirtschaftlichen Einsatz der Mittel sorgen.

Mein Vorschlag: zwei Stufen statt Gleichschritt

Stufe 1: Die Kommunen zuerst auf den Deutschland-Stack. Der Deutschland-Stack soll die gemeinsame technische Grundlage der Verwaltung werden. Sein größter und schnellster Hebel liegt dort, wo es heute noch keine tragfähige Alternative gibt – in den Kommunen. Wenn Bund und Länder den Stack zuerst konsequent als digitale Grundversorgung für alle Kommunen ausrollen, mit gemeinsamen Basiskomponenten, Standards und Betriebsmodellen, entsteht sofort sichtbarer Nutzen: für Bürgerinnen und Bürger, für Unternehmen und für die Beschäftigten in den Rathäusern, die heute mit Insellösungen kämpfen.

Stufe 2: Die Sozialversicherungen werden stack-fähig – im Takt ihrer eigenen Modernisierung. Die Sozialversicherungen müssen ihre funktionierenden Systeme nicht gleich heute umbauen. Sie bekommen aber eine klare Auflage: Jedes neue Vorhaben, jede größere Modernisierung wird so geplant, dass der Deutschland-Stack, wo sinnvoll, perspektivisch eingesetzt werden kann – über anschlussfähige Standards, Schnittstellen und Architekturentscheidungen. So wächst die Integration mit den ohnehin anstehenden Investitionszyklen, ohne laufende Massenverfahren zu gefährden.

Dafür spricht auch die Wirtschaftlichkeit. Würde eine große Sozialversicherung heute ihre Systeme auf den Deutschland-Stack umstellen, nur um danach dieselben Leistungen anzubieten wie vorher, entstünde vor allem Aufwand – Migrationskosten, Projektrisiken, gebundenes Personal –, aber kein sichtbarer Nutzen für Versicherte, Arbeitgeber oder Leistungsberechtigte. Eine Umstellung ohne Mehrwert für die Kundinnen und Kunden lässt sich weder fachlich noch gegenüber den Beitragszahlenden begründen. Wirtschaftlich sinnvoll wird der Stack dort, wo ohnehin modernisiert wird und neue oder bessere Leistungen entstehen. Genau das leistet die zweite Stufe.

Das Ergebnis: kurzfristiger Nutzen dort, wo der Bedarf am größten ist – und langfristig eine gemeinsame Infrastruktur, in die auch die Sozialversicherungen hineinwachsen.

Rückenwind von Bitkom und den kommunalen Verbänden

Passend dazu haben der Bitkom, der Deutsche Städtetag, der Deutsche Landkreistag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der VKU und die KGSt am 5. Oktober ein gemeinsames Positionspapier vorgelegt. Die Kernbotschaft: Die Digitalisierung der Kommunen darf nicht länger von befristeten Modellprojekten abhängen. Das Papier enthält vier Forderungen:

  1. Die kommunale Digitalisierung bekommt einen festen Platz in der Digitalpolitik von Bund und Ländern – unter Einbeziehung des Bundesdigitalministeriums und der Digitalressorts der Länder.
  2. Bund und Länder stellen den Kommunen dauerhaft digitale Basisinfrastrukturen bereit und finanzieren sie. Die nötigen gemeinsamen Standards und Schnittstellen soll der Deutschland-Stack von Anfang an berücksichtigen.
  3. Der „Marktplatz Deutschland Digital“ wird zu einem echten Beschaffungsinstrument ausgebaut, damit Kommunen erprobte Lösungen einkaufen können, statt sie selbst zu entwickeln.
  4. Eine zentrale Anlaufstelle berät und begleitet Kommunen und kommunale Unternehmen – von der Auswahl einer Lösung über Einführung und Betrieb bis zur Finanzierung.

Das Papier hat vor allem die Smart-City-Seite der Daseinsvorsorge im Blick, schlägt aber auch die Brücke zum Deutschland-Stack: Vorhaben wie der Deutschland-Stack, die EUDI-Wallet und das National-Once-Only-Technical-System entfalten ihre Wirkung demnach nur mit vernetzten Kommunen. Gemeinsam mit den Kommunen soll deshalb geprüft werden, welche Komponenten als Basiskomponenten des Deutschland-Stacks eine verlässliche digitale Grundversorgung für Kommunen schaffen können. Dem stimme ich zu – und gehe einen Schritt weiter: Der Stack sollte in den Kommunen zuerst ankommen.

Der naheliegende Einwand

Baut man den Stack dann nicht an den Anforderungen der Großen vorbei? Der Einwand ist berechtigt. Zweistufigkeit heißt nicht, dass die Sozialversicherungen in Stufe 1 außen vor bleiben. Ihre Anforderungen an Skalierung, Sicherheit und Massenverarbeitung gehören von Anfang an in die Architektur – nur die Migration folgt später.

Und: Eine zweite Stufe braucht ein Datum und eine Verbindlichkeit. Sonst bleibt sie eine Absichtserklärung, und wir haben in zehn Jahren zwei Welten statt einer.

Deutschland muss nicht alles gleichzeitig digitalisieren, sondern in einer sinnvollen Reihenfolge. Erst die Grundversorgung für die Kommunen, dann die schrittweise Integration der Sozialversicherungen – das bringt jetzt Nutzen und schafft trotzdem eine gemeinsame Zukunft.


Quellen: Bitkom-Presseinformation vom 05.10.2026 · Positionspapier „Smarte Städte und Regionen strukturell und nachhaltig absichern“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert