Jugendschutz stärken – mit einer datensparsamen eID für alle ab Geburt

Warum präzise Altersnachweise durch digitale Identitäten mehr leisten als nur einen einfachen Schutz vor Social-Media
Die Steuer-ID existiert ab Geburt.
Warum nicht auch eine datensparsame digitale Identität – minimal, attributbasiert und europäisch interoperabel?
Wer Jugendschutz ernst meint, muss über digitale Infrastruktur sprechen.
Die aktuelle Diskussion um ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige konzentriert sich auf Plattformpflichten, Bußgelder und Altersgrenzen. Sie bleibt jedoch an einer zentralen Stelle unvollständig: bei der Frage, wie Alter technisch präzise, rechtssicher und datensparsam geprüft werden soll. Solange Altersangaben auf Selbstauskunft, Dokumentenupload oder biometrischen Schätzverfahren beruhen, bleibt jede Regulierung operativ unsicher. Plattformen tragen Verantwortung, verfügen aber nicht über eine staatlich standardisierte Altersinfrastruktur.
Eine datensparsame digitale Identität für alle ab Geburt – verantwortet durch Sorgeberechtigte und technisch attributbasiert ausgestaltet – würde mehrere Herausforderungen gleichzeitig adressieren:
- präzise Altersprüfung ohne vollständige Identitätsübermittlung
- Stärkung des Jugendschutzes bei gleichzeitiger Wahrung der Datensparsamkeit
- digitaler Nachweis der Sorgeberechtigung
- rechtssichere Einwilligungsprozesse im Reise- und Gesundheitskontext
- strukturierte Begleitung beim Übergang von Schule in Ausbildung
- infrastrukturelle Grundlage für Once-Only-Logiken und Sozialstaatsmodernisierung
Es geht nicht um mehr Daten.
Es geht um die richtige Datenarchitektur.
Attribute statt Identität
Die zentrale Idee ist einfach: Digitale Dienste erhalten nicht die Identität einer Person, sondern nur ein bestätigtes Merkmal. Im Kontext Social Media würde das bedeuten:
Die Plattform erfährt ausschließlich, ob eine Person über 16 Jahre alt ist – nicht deren Name, nicht deren Geburtsdatum, nicht deren Anschrift.
Mit der europäischen EUDI-Wallet-Architektur ist eine solche selektive Offenlegung technisch vorgesehen. Attributbasierte Nachweise ermöglichen es, genau die Information zu übertragen, die erforderlich ist – und nichts darüber hinaus. Damit würde Altersprüfung präzise und zugleich datensparsam. Plattformen müssten nicht schätzen oder Dokumente speichern. Der Staat würde keine zusätzlichen Daten erzeugen, sondern bestehende Identitätsinformationen strukturiert nutzbar machen.
Internationale Einordnung
Ein vollständiges System dieser Art existiert bislang nicht. Es gibt jedoch relevante Vorbilder.
- In Estland erhalten alle Einwohner eine digitale Identität – auch Minderjährige. Digitale Verwaltung ist dort Alltag.
- In Dänemark ist digitale Identität früh im Lebensverlauf integriert.
- In Indien wird mit Aadhaar eine Identifikationsnummer ab Geburt vergeben – verbunden mit intensiven Datenschutzdebatten, die zeigen, wie entscheidend eine minimalistische Architektur ist.
Die internationale Perspektive macht deutlich: Digitale Identität für Minderjährige ist machbar. Entscheidend ist die Ausgestaltung.
Übergang von Schule in Ausbildung: Identität als Brücke
Eine digitale Identität für Kinder und Jugendliche ist nicht nur für Jugendschutz relevant. Sie kann auch beim Übergang von Schule in Ausbildung eine strukturierende Rolle spielen.
- medienbruchfreie Anbindung an Beratungs- und Förderangebote
- eindeutige Zuordnung von Bildungs- und Unterstützungsleistungen
- vereinfachte Antragstellung bei Ausbildungsförderung
- gezielte Ansprache bei Unterstützungsbedarf
Es geht nicht um zusätzliche Datensammlung, sondern um konsistente Identitätsführung über Lebensphasen hinweg. Gerade in sensiblen Übergangsphasen kann eine stabile digitale Identität helfen, Brüche zu vermeiden und Unterstützung früher zu ermöglichen.
Ohne digitale Identität keine Sozialstaatsreform
Die strategische Bedeutung reicht darüber hinaus. Eine Sozialstaatsreform mit gebündelten Leistungen, automatisierten Anspruchsprüfungen und registerübergreifenden Verfahren setzt eine verlässliche digitale Identität voraus. Ohne digitale Identität gibt es keine medienbruchfreie Antragstellung, keine automatisierte Anspruchsermittlung, kein echtes Once-Only-Prinzip und damit keine nachhaltige Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Verwaltung.
Die der digitalen Identität für alle Bürger, werden alle Bürger frühzeitig an die Nutzung gewöhnt. Damit fördert man die Akzeptanz für den digitalen Zugang zur Verwaltung.
Jugendschutz wird damit zum Prüfstein für digitale Handlungsfähigkeit.
Vertrauen durch Architektur
Eine eID ab Geburt darf kein Synonym für umfassende Identifizierbarkeit sein. Entscheidend ist die technische Gestaltung mit den folgenden Prinzipien
- strikte Datensparsamkeit
- selektive Offenlegung
- klare Governance für Sorgeberechtigte
- europäische Interoperabilität
- Transparenz und Überprüfbarkeit
Vertrauen entsteht nicht durch Absichtserklärungen, sondern durch Architektur.
Ein Social-Media-Verbot kann politische Handlungsfähigkeit demonstrieren.
Eine datensparsame digitale Identitätsinfrastruktur schafft tatsächliche Handlungsfähigkeit.
Wenn wir die Steuer-ID selbstverständlich ab Geburt vergeben, sollten wir auch den Mut haben, eine datensparsame digitale Identität für alle bereitzustellen – als Grundlage für Jugendschutz, Bildungsübergänge und Sozialstaatsmodernisierung.
Jugendschutz durch Präzision.
Datenschutz durch Architektur.
Sozialstaatsreform durch digitale Identität.