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Innersource und Standardisierung: zwei Seiten derselben Medaille

Orientierung im digitalen Wandel

Innersource und Standardisierung: zwei Seiten derselben Medaille

Fünf gleiche graue Würfel stehen in einer Reihe, vorne verbindet sie eine rote Linie, dahinter verläuft eine blaue Linie.

Wer Wiederverwendung will, braucht Standards. Und wer Standards will, braucht Wiederverwendung. Wiederverwendung und Standardisierung sind deshalb sich ergänzende Ansätze. Es sind zwei Seiten derselben Medaille.

In großen Organisationen habe ich oft das Gegenteil erlebt: Standards entstehen am Reißbrett, Wiederverwendung wird gefordert, aber selten gelebt. Das Ergebnis sind Parallelstrukturen, Insellösungen und Vorgaben, die niemand liebt. Der Ausweg liegt in einer Rolle, die beides zusammenbringt: dem Systemintegrator.

Innersource: Open-Source-Prinzipien für die ganze Organisation

Innersource überträgt die Arbeitsweise von Open-Source-Projekten auf die eigene Organisation. Der Begriff stammt aus der Softwareentwicklung, das Prinzip reicht aber viel weiter: Was eine Einheit gut gelöst hat, wird für alle sichtbar, nutzbar und verbesserbar, statt anderswo neu erfunden zu werden.

Das gilt für alle Ebenen einer Organisation:

  • Ablauforganisation: Verfahrensabläufe, Genehmigungswege, Rollenbeschreibungen und Vorlagen.
  • Kundenkontakt: Terminbuchung, Beratungsleitfäden, Kommunikationsbausteine und Zugangskanäle.
  • Backend-Prozesse: Sachbearbeitung, Leistungsberechnung, Bescheiderstellung und Zahlungsverkehr.
  • IT: Softwarekomponenten, Plattformen und Hardware bis hin zu Servern, Speicher und Netz.

Die InnerSource Commons nennen vier Prinzipien:

  • Offenheit: Projekte sind auffindbar und so aufgesetzt, dass Beiträge ohne Hürden möglich sind.
  • Transparenz: Anforderungen, Fortschritt und Entscheidungen sind nachvollziehbar.
  • Priorisierte Mentorschaft: Das verantwortliche Team unterstützt Beitragende dann, wenn sie es brauchen.
  • Freiwillige Beiträge: Teams arbeiten mit, weil es ihnen nutzt, nicht weil es angeordnet ist.

Der Kern ist Wiederverwendung. Nicht als Pflicht aus einer Richtlinie, sondern als naheliegende Wahl, weil das Vorhandene gut, gepflegt und zugänglich ist.

In der Praxis tragen drei Elemente dieses Modell:

  • Eine gemeinsame Plattform. Ein zentraler Ort für Prozessbeschreibungen, Vorlagen, Code und Infrastrukturbausteine, auf den alle Mitarbeitenden mit ihrer normalen Kennung zugreifen. Wer suchen, lesen und beitragen kann, muss nicht erst fragen.
  • Ein Marktplatz für Enabler. Ein Katalog wiederverwendbarer Bausteine, vom Standardprozess über Formular- und Kommunikationsvorlagen bis zu Softwarekomponenten, Plattformdiensten und Hardware-Referenzkonfigurationen. Jeder Enabler hat ein verantwortliches Team, eine Dokumentation und einen klaren Reifegrad.
  • Eine Community. Fachliche und technische Netzwerke über Team- und Bereichsgrenzen hinweg, in denen Wissen geteilt und Bausteine gemeinsam weiterentwickelt werden.

Die Plattform senkt die Hürde, der Marktplatz schafft Übersicht, die Community sorgt dafür, dass beides genutzt wird.

Warum Wiederverwendung Standards braucht

Wiederverwendung scheitert selten am fehlenden Willen, sondern an fehlender Passung. Ein Baustein lässt sich nur dann in einem anderen Bereich einsetzen, wenn die Rahmenbedingungen zusammenpassen: bei einem Prozess Rollen, Begriffe und Rechtsgrundlagen, bei Software Schnittstellen und Datenformate, bei Hardware Betriebs- und Sicherheitsvorgaben.

Genau das leisten Standards. Sie schaffen die gemeinsame Grundlage, auf der ein Baustein aus Team A in der Lösung von Team B funktioniert:

  • Technische Standards wie einheitliche Schnittstellen, Plattformen und Laufzeitumgebungen machen Komponenten austauschbar.
  • Fachliche Standards wie gemeinsame Datenmodelle und Begriffe sorgen dafür, dass ein Baustein inhaltlich richtig verstanden wird.
  • Prozessstandards wie einheitliche Abläufe, Qualitätskriterien und Dokumentation schaffen Vertrauen in die Lösungen anderer Einheiten.

Ohne diese Grundlage bleibt jeder wiederverwendete Baustein ein Einzelfall mit hohem Anpassungsaufwand. Dann baut man lieber selbst, und die nächste Insellösung entsteht.

Warum Standards Innersource brauchen

Der umgekehrte Weg gilt genauso. Ein Standard, der nur auf Papier existiert, wird umgangen. Ein Standard, der als gepflegter, wiederverwendbarer Baustein vorliegt, wird genutzt, weil er Arbeit spart.

Innersource macht Standards lebendig:

  • Standards entstehen aus der Praxis. Die beste Lösung eines Teams wird sichtbar und kann zum gemeinsamen Baustein werden.
  • Standards entwickeln sich weiter. Nutzende Teams melden Bedarf und tragen selbst zur Verbesserung bei, statt auf eine zentrale Stelle zu warten.
  • Standards gewinnen Akzeptanz. Wer mitgestalten kann, trägt das Ergebnis mit.

So wird aus der Vorgabe „Ihr müsst den Standard nutzen“ das Angebot „Hier ist der Standard, und er ist schon fertig“. Das ist der Unterschied zwischen verordneter und gelebter Standardisierung.

Standardprozesse sind auch Innersource

Am deutlichsten wird das Zusammenspiel bei Organisationsprozessen. Ein standardisierter Organisationsprozess ist ein wiederverwendbarer Baustein, den alle ähnlichen Anliegen in der Organisation nutzen können.

In meinem Beitrag „Standardisieren bis der Arzt kommt“ habe ich beschrieben, was das in der Praxis heißt: den Schmerz aushalten, nicht jeden Individualwunsch umzusetzen. Eine Terminbuchung oder die Beantragung einer Leistung braucht nicht in jeder Einheit eine eigene Variante. Wer standardisiert, muss an manchen Stellen Abstriche machen.

Der Standardprozess wird dann für alle vergleichbaren Fälle genutzt, auch wenn er nicht jedem gefällt. Genau darin liegt sein Wert: Er wird einmal gut gemacht, gepflegt und weiterentwickelt, statt zehnmal nebeneinander.

Die Kunst liegt in der Balance:

  • Zu viel Standardisierung verliert Mitarbeitende und Kunden, weil ihre berechtigten Bedürfnisse keinen Platz mehr haben.
  • Zu viel Individualisierung wird zu teuer, weil jede Variante entwickelt, betrieben und gepflegt werden muss.

Diese Balance findet man nicht einmal und für immer. Sie ist ein ständiger Aushandlungsprozess, und auch hier hilft das Innersource-Prinzip: Wer den Standard nutzt, darf ihn mitgestalten, statt ihn zu umgehen.

Der Systemintegrator als Bindeglied

Der Systemintegrator verbindet beide Welten. Er baut nicht alles selbst, sondern setzt Lösungen aus vorhandenen, standardisierten Bausteinen zusammen und verantwortet das Zusammenspiel des Ganzen, vom fachlichen Prozess bis zur Infrastruktur.

Damit ist er zugleich der wichtigste Nutzer von Innersource und der wichtigste Treiber von Standards:

  1. Er fragt Wiederverwendung nach. Bevor etwas neu entwickelt oder beschafft wird, prüft er im Marktplatz, welche Enabler es schon gibt.
  2. Er macht Lücken sichtbar. Wo ein Baustein fehlt oder nicht passt, entsteht ein konkreter Bedarf. Er fließt als Beitrag auf der gemeinsamen Plattform in den Standard zurück.
  3. Er hält die Architektur zusammen. Weil er über Prozess-, Bereichs- und Technologiegrenzen hinweg denkt, verhindert er, dass jede Lösung eigene Wege geht.

Die Erfahrung zeigt: Sobald jemand die Verantwortung für das Gesamtsystem trägt, bekommen Wiederverwendung und Standards einen Auftraggeber. Sie sind dann keine Architekturideale mehr, sondern Werkzeuge für schnellere und stabilere Lösungen.

Ein typisches Muster: Mehrere Fachverfahren brauchen dieselbe Funktion, etwa eine Anmeldung, einen Dokumentenupload oder eine Benachrichtigung. Ohne Systemintegrator baut jedes Verfahren seine eigene Lösung. Mit ihm entsteht der Baustein einmal, wird im Marktplatz bereitgestellt und vom zweiten und dritten Verfahren übernommen. Jede Übernahme macht ihn besser, weil neue Anforderungen in den gemeinsamen Baustein einfließen statt in eine weitere Kopie.

Fazit: Wiederverwendung braucht einen Ort, Standards brauchen Nutzung

Innersource ohne Standards führt zu vielen offenen, aber inkompatiblen Bausteinen. Standards ohne Innersource führen zu Vorgaben, die niemand nutzt. Erst zusammen entsteht ein System, das mit jedem Projekt besser wird.

Drei Impulse für die Praxis:

  • Standards als Enabler im Marktplatz liefern, nicht nur als Dokumente.
  • Beiträge erleichtern, mit offen zugänglichen Bausteinen, klaren Zuständigkeiten und echter Mentorschaft.
  • Den Systemintegrator stärken, als Rolle mit Mandat für das Gesamtsystem.

Gerade in der öffentlichen Verwaltung, wo viele Verfahren ähnliche Aufgaben lösen, liegt hier ein großer Hebel. Jeder Baustein, der zweimal genutzt wird, ob Prozess, Software oder Server, spart Geld, Zeit und Betriebsaufwand.

Wie erleben Sie das Zusammenspiel von Wiederverwendung und Standards in Ihrer Organisation? Schreiben Sie Ihre Erfahrungen und Hinweise gern in die Kommentare und teilen den Beitrag..

 

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