Das hatten wir doch schon

oder – Warum alte Ideen manchmal neu richtig werden
Es gibt einen Satz, der in Organisationen erstaunlich häufig fällt, wenn neue Ideen vorgestellt werden:
„Das hatten wir doch schon.
Manchmal wird dieser Satz mit Skepsis ausgesprochen, manchmal mit einem Lächeln und manchmal mit einem Hauch von Stolz. Denn in dem Satz steckt mehr als Ablehnung. Oft steckt darin Erinnerung. Er enthält also zwei Dinge zugleich: Erfahrung und Bewertung.
Erfahrung ist wertvoll. Bewertung kann manchmal vorschnell sein. Gerade deshalb lohnt es sich, diesen Satz genauer zu betrachten.
Erfahrung ist kein Gegenargument
Wenn jemand sagt „Das hatten wir doch schon“, dann steckt darin häufig ein Stück Organisationsgeschichte.
Vielleicht wurde eine Idee tatsächlich schon einmal ausprobiert. Vielleicht haben Menschen damals viel Zeit, Energie und Überzeugung in dieses Thema investiert. Und vielleicht hat es sogar funktioniert – zumindest eine Zeit lang.
Organisationen sind jedoch keine statischen Gebilde. Sie verändern sich. Teams verändern sich. Technologien verändern sich. Rahmenbedingungen verändern sich. Manche Ideen verschwinden nicht, weil sie falsch waren. Manche verschwinden einfach, weil die Zeit damals noch nicht reif war.
Der Satz „Das hatten wir doch schon“ ist deshalb nicht unbedingt ein Gegenargument. Er kann auch ein Hinweis darauf sein, dass Erfahrungen vorhanden sind, auf die man aufbauen kann.
Alles ist im Fluss
Der griechische Philosoph Heraklit formulierte bereits vor über zweieinhalbtausend Jahren einen Gedanken, der bis heute erstaunlich modern wirkt:
„Panta rhei – alles fließt.“
Heraklit beschreibt damit eine einfache Beobachtung:
Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Denn während wir stehen bleiben, fließt das Wasser weiter. Der Fluss verändert sich ständig.
Dieser Gedanke gilt auch für Organisationen. Eine Idee, die vor zehn oder zwanzig Jahren diskutiert wurde, begegnet heute einer völlig anderen Realität:
- neue Technologien
- andere Organisationsformen
- andere Erwartungen von Mitarbeitenden
- andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Der Kontext hat sich verändert.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
Gab es diese Idee schon einmal?
Die entscheidendere Frage lautet:
Wie sieht die Welt heute aus?
Lernen über Zeit hinweg
Der produktive Umgang mit dem Satz „Das hatten wir doch schon“ besteht darin, zwei Perspektiven miteinander zu verbinden.
Erstens:
Was haben wir damals gelernt?
Zweitens:
Was ist heute anders?
Die erste Frage würdigt die Erfahrung der Organisation.
Die zweite öffnet den Blick für neue Möglichkeiten.
Wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas sehr Wertvolles:
Lernen über Zeit hinweg.
Organisationen entwickeln sich nicht nur durch neue Ideen.
Sie entwickeln sich dadurch, dass sie Erfahrungen aufnehmen, reflektieren und weiterdenken.
Gelassenheit gegenüber schnellen Urteilen
Interessanterweise führt dieser Gedanke direkt zu einer philosophischen Haltung, die ebenfalls seit über zweitausend Jahren existiert: dem Stoizismus.
In meinem Beitrag „2000 Jahre Gelassenheit – und warum sie heute wiederkehrt“ habe ich beschrieben, warum stoisches Denken gerade heute wieder an Bedeutung gewinnt. Der Stoizismus erinnert uns an eine einfache, aber tiefgehende Unterscheidung: Wir können nicht kontrollieren, was passiert. Wir können aber kontrollieren, wie wir darauf reagieren.
Stoische Gelassenheit bedeutet, zwischen impulsiver Reaktion und reflektierter Bewertung zu unterscheiden.
Der Satz „Das hatten wir doch schon“ ist oft eine spontane Reaktion. Eine stoische Haltung würde dagegen zunächst fragen:
- Was genau ist damals passiert?
- Welche Erfahrungen wurden gemacht?
- Welche Rahmenbedingungen haben sich seitdem verändert?
Erst dann entsteht ein Urteil, das auf Reflexion statt auf Reflexen beruht.
Wertschätzung statt Abwehr
Deshalb lohnt es sich, diesen Satz anders zu hören. Wenn jemand sagt: „Das hatten wir doch schon.“ dann könnte eine hilfreiche Antwort sein: „Erzähl uns doch, wie das damals war.“
Vielleicht wird dabei sichtbar, was damals gut funktioniert hat. Vielleicht werden Hindernisse deutlich, die heute anders gelöst werden können. Und vielleicht zeigt sich sogar, dass eine Idee damals gar nicht gescheitert ist – sondern nur nicht weiterverfolgt wurde. Aus einer vermeintlichen Ablehnung kann so ein wertvoller Austausch entstehen.
Die Vergangenheit ernst nehmen – ohne sich von ihr begrenzen zu lassen
Veränderung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu ignorieren. Aber sie bedeutet auch nicht, sich von ihr begrenzen zu lassen. Zwischen diesen beiden Polen liegt ein produktiver Weg:
Die Erfahrungen der Vergangenheit ernst nehmen – und gleichzeitig offen bleiben für neue Möglichkeiten.
Heraklit erinnert uns daran, dass alles im Fluss ist. Der Stoizismus erinnert uns daran, ruhig und reflektiert mit Veränderung umzugehen. Beides zusammen ergibt eine Haltung, die Organisationen gut gebrauchen können:
- aufmerksam gegenüber Erfahrungen
- gelassen gegenüber schnellen Urteilen
- offen gegenüber neuen Möglichkeiten
Vielleicht ist der Satz „Das hatten wir doch schon“ also gar kein Schlusswort. Vielleicht ist er einfach ein Hinweis darauf, dass eine Idee eine zweite Chance verdient.
Denn auch Organisationen stehen in einem Fluss. Und manchmal braucht eine gute Idee einfach den richtigen Moment, um wirklich wirken zu können.