Wenn Ameisen einen Elefanten tragen

„Wenn die Ameisen sich einigen, können sie einen Elefanten tragen.“
Dieses Sprichwort wird Burkina Faso zugeschrieben. Natürlich können Ameisen keinen Elefanten tragen. Aber das Bild ist trotzdem bemerkenswert. Viele kleine Einheiten können gemeinsam etwas bewegen, das für jede einzelne von ihnen unmöglich wäre.
Ich musste an dieses Sprichwort denken, als ich kürzlich einen Podcast über Ameisen hörte. Dort ging es um die erstaunliche Fähigkeit großer Ameisenkolonien, sehr schnell auf Veränderungen zu reagieren und sich gemeinsam in eine neue Richtung zu bewegen. Und plötzlich klang das gar nicht mehr nur nach Biologie.
Denn die Fragen dahinter stellen sich auch in großen Organisationen: Wie schafft man es, Tausende Menschen in eine gemeinsame Richtung zu bewegen? Wie werden Entscheidungen so kommuniziert, dass sie tatsächlich ankommen? Wer entscheidet überhaupt? Und wie viel zentrale Steuerung braucht es dafür?
Der Ameisenstaat ohne zentrale Steuerung
Bei Ameisen liegt zunächst ein Missverständnis nahe. Man könnte vermuten, die Königin sei so etwas wie die Vorstandsvorsitzende des Ameisenstaates. Sie entscheidet, gibt Anweisungen und die übrigen Ameisen führen aus. So funktioniert es aber gerade in dem Ameisenstaat nicht. Die Königin ist vor allem für die Fortpflanzung zuständig. Sie steuert nicht zentral, welche Ameise wohin läuft, welche Nahrungsquelle erschlossen wird oder welcher Weg der beste ist. Ein großer Teil der Organisation entsteht dezentral.
Die einzelne Ameise kennt nicht den Gesamtplan. Sie verfügt nur über einen kleinen Ausschnitt der Informationen. Sie nimmt ihre unmittelbare Umgebung wahr, reagiert darauf und gibt Signale weiter. Aus sehr vielen dieser lokalen Handlungen entsteht etwas, das von außen wie ein abgestimmtes und zielgerichtetes Verhalten aussieht. Gerade das macht den Vergleich mit großen Organisationen interessant.
Eine der wichtigsten Aufgaben von Führung besteht nicht darin, möglichst viele Entscheidungen selbst zu treffen. Vielmehr geht es unter anderem darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen viele Menschen selbst gute Entscheidungen treffen können – und diese Entscheidungen trotzdem in eine gemeinsame Richtung führen.
Orientierung durch einfache Signale
Ameisen nutzen dafür unter anderem chemische Signale. Findet eine Ameise beispielsweise eine attraktive Nahrungsquelle, kann sie auf dem Rückweg eine Pheromonspur hinterlassen. Andere Ameisen folgen dieser Spur und verstärken sie wiederum. Je häufiger ein erfolgreicher Weg benutzt wird, desto deutlicher wird das Signal. Aus einem zunächst schwachen Hinweis kann sehr schnell eine gemeinsame Bewegung entstehen.
Natürlich funktioniert menschliche Kommunikation anders. Und niemand sollte ernsthaft versuchen, eine Organisation nach dem Vorbild eines Ameisenstaates aufzubauen. Der dahinterliegende Gedanke ist trotzdem spannend. Denn erfolgreiche Kommunikation muss nicht zwangsläufig umfangreich sein. Sie muss vor allem eindeutig sein.
In großen Organisationen entsteht Orientierung häufig durch immer mehr Kommunikation: Strategiepapiere, Präsentationen, Rundschreiben, Sitzungen, Protokolle, Zielbilder und Regelwerke. Alles davon kann sinnvoll sein. Aber in der Vielzahl paralleler Veränderungen geht die notwendige Einfachheit manchmal in der Komplexität verloren.
Daher bleibt manchmal die entscheidende Frage offen: Was bedeutet die Vielzahl der Vorgaben konkret für mein Handeln?
Vielleicht lässt sich eine gute Strategie genau daran erkennen. Nicht daran, wie ausführlich sie beschrieben ist, sondern daran, ob viele Menschen daraus selbstständig richtige Entscheidungen ableiten können.
Weniger Detailsteuerung, mehr gemeinsame Richtung
Eine Organisation, die sich schnell bewegen soll, braucht deshalb möglicherweise weniger Detailsteuerung und mehr gemeinsame Orientierung.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Je größer eine Organisation wird, desto stärker scheint der Wunsch nach Kontrolle zu werden. Es entstehen zusätzliche Regeln, Abstimmungen, Freigaben und Gremien. Jeder dieser Schritte hat meistens eine nachvollziehbare Begründung.
In ihrer Summe können sie aber dazu führen, dass eine Organisation immer genauer weiß, wer entscheiden darf – und gleichzeitig immer langsamer entscheidet.
Ameisen lösen dieses Problem anders. Die einzelne Ameise wartet nicht auf eine Entscheidung der Königin. Sie reagiert dort, wo sie sich befindet.
Übertragen auf Organisationen könnte das heißen: Entscheidungen sollten möglichst dort getroffen werden, wo auch das notwendige Wissen vorhanden ist.
Dafür braucht es allerdings etwas anderes: eine ausreichend klare gemeinsame Richtung. Je weniger Detailsteuerung eine Organisation betreiben möchte, desto klarer müssen Ziele, Prinzipien und Entscheidungsräume sein. Dezentralität funktioniert nicht durch Abwesenheit von Führung. Sie braucht Orientierung.
Wie aus Erkundung Bewegung wird
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhalten von Ameisen bei der Suche nach einem neuen Nest. Bei einigen Arten erkunden zunächst einzelne Tiere mögliche neue Orte. Andere folgen, überprüfen diese ebenfalls und werben wiederum weitere Ameisen an. Ab einer bestimmten Anzahl – einem Schwellenwert oder Quorum – verändert sich das Verhalten. Aus Erkundung wird Bewegung. Die Kolonie beginnt, sich auf einen Ort festzulegen.
Auch das erinnert an Veränderungsprozesse in Organisationen. Vielleicht entsteht Veränderung nicht immer dadurch, dass zuerst jede Einzelheit abschließend geklärt und danach die gesamte Organisation gleichzeitig in Bewegung gesetzt wird.
Manchmal beginnen wenige. Andere beobachten. Erste Erfahrungen entstehen. Erfolgreiche Beispiele werden sichtbar. Weitere Menschen schließen sich an. Und irgendwann wird ein Punkt erreicht, an dem aus einzelnen Aktivitäten eine gemeinsame Bewegung entsteht.
Das würde auch die Rolle von Führung verändern. Sie müsste nicht jede einzelne Person von jeder einzelnen Veränderung überzeugen. Eine wichtige Aufgabe wäre vielmehr, Orientierung zu geben, Hindernisse zu beseitigen und erfolgreiche Entwicklungen sichtbar zu machen.
Wenn sich auch der falsche Weg verstärkt
Allerdings haben Ameisen noch eine zweite Lektion für uns.
Denn die gleichen Mechanismen, die Geschwindigkeit ermöglichen, können auch in die falsche Richtung führen. Wenn viele Ameisen einer Spur folgen, wird diese Spur stärker. Und weil die Spur stärker wird, folgen ihr wiederum mehr Ameisen. Das kann sehr effizient sein. Aber eine verstärkte Spur ist nicht automatisch die beste Spur.
Auch Organisationen kennen solche Mechanismen. Ein Verfahren wird genutzt, weil es schon immer genutzt wurde. Ein System bleibt bestehen, weil viele Prozesse darauf aufgebaut sind. Eine Entscheidung wird nicht mehr hinterfragt, weil bereits sehr viel Energie in sie investiert wurde. Erfolg verstärkt sich. Aber manchmal verstärkt sich eben auch Gewohnheit.
Eine lernfähige Organisation braucht deshalb nicht nur Mechanismen, mit denen sich gute Lösungen verbreiten. Sie braucht genauso Möglichkeiten, eingeschlagene Wege wieder infrage zu stellen.
Was große Organisationen daraus lernen können
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre aus dem Ameisenstaat. Nicht darin, Menschen wie Ameisen zu organisieren. Menschen haben eigene Interessen, unterschiedliche Erfahrungen, Werte, Zweifel und Ideen. Sie wollen verstehen, diskutieren und manchmal auch widersprechen. Das ist keine Störung menschlicher Organisation, sondern ein wesentlicher Teil davon.
Trotzdem zeigt uns der Blick auf Ameisen etwas sehr Grundsätzliches:
Große Systeme müssen nicht zwangsläufig durch immer mehr zentrale Steuerung beherrscht werden. Vielleicht brauchen sie etwas anderes. Eine verständliche gemeinsame Richtung. Wenige klare Prinzipien. Schnelle und eindeutige Signale. Entscheidungen dort, wo Wissen vorhanden ist. Sichtbarkeit dessen, was funktioniert. Und die Fähigkeit, einen eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen.
Dann entsteht aus vielen einzelnen Entscheidungen vielleicht tatsächlich eine gemeinsame Bewegung. Und damit bekommt das alte Sprichwort eine erstaunlich moderne Bedeutung: „Wenn die Ameisen sich einigen, können sie einen Elefanten tragen.“
Die entscheidende Frage
Für große Organisationen könnte die entscheidende Frage deshalb nicht lauten: Wie schaffen wir es, dass alle dasselbe tun?
Sondern: Wie schaffen wir es, dass viele selbstständig handeln können – und sich trotzdem gemeinsam in die gleiche Richtung bewegen?