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KI braucht Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit

Orientierung im digitalen Wandel

KI braucht Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit

Venn-Diagramm mit den drei Kreisen Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit, in der Schnittmenge KI. Titel: KI braucht Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit.

Gute Arbeit mit KI steht auf drei Beinen: Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit. Wo Kontext, Kompetenz und Kritikfähigkeit vorhanden sind, wird KI zum Hebel. Fehlt eines davon, macht KI Organisationen nicht stärker, sondern schwächer. Denn wo sie fehlen, verstärkt KI Fehler und Einseitigkeit.

Die gute Nachricht: Alle drei K lassen sich gestalten. Durch Austausch zwischen den Generationen, durch kontinuierliche Weiterbildung und durch eine Kultur, in der man auch der KI widersprechen darf und muß.

In vielen Büros verändert sich gerade etwas Grundlegendes. Wer früher eine Kollegin gefragt hat, fragt heute zuerst die KI. Das geht schneller, ist jederzeit verfügbar und klingt oft überzeugend. Doch die Qualität der Antwort hängt weniger an der Technik als an dem Menschen, der sie nutzt.

Erstes K: Kontext

KI kennt, was aufgeschrieben ist. Sie kennt nicht, wie es in einer Organisation wirklich läuft.

Kontext entsteht durch Erfahrung und durch viele Gespräche. Wer lange dabei ist, weiß, warum eine Regel einmal eingeführt wurde, wen man anrufen muss und wann ein Standardweg in die Irre führt. Dieses Wissen steht in keinem Handbuch. Genau deshalb kann die KI es nicht liefern.

Eine aktuelle Studie aus Stanford stützt diese Beobachtung. Brynjolfsson, Chandar und Chen werten Lohndaten aus den USA aus. Bei 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen liegt die Beschäftigung inzwischen rund 19 Prozent unter dem Vergleichswert. Bei Erfahrenen gibt es keine vergleichbare Lücke.

Die Erklärung der Forscher: KI ist stark bei kodifiziertem Wissen, also allem, was in Lehrbüchern, Vorschriften und Verfahrensanweisungen steht. Erfahrungswissen aus Praxis und Mentoring ist dagegen schwer nachzubilden. Die Autoren betonen zwar, dass sie Muster beschreiben und keinen Kausalbeweis führen. Die Richtung ist trotzdem deutlich: Kontext ist das, was Menschen der KI voraushaben.

Zweites K: Kompetenz

Wer KI nutzt, kann sie noch lange nicht gut nutzen. Kompetenz heißt: wissen, was die Technik kann, wo sie Fehler macht und wie man sie sinnvoll einsetzt. Und weil sich die Werkzeuge alle paar Monate verändern, heißt Kompetenz auch lebenslanges Lernen.

Aus dem Bauch heraus würde man sagen: Die Jungen sind hier im Vorteil. Sie kommen frisch aus Schule und Studium, wo KI längst Alltag ist. Die Zahlen bestätigen das bei der Nutzung. Laut Bitkom nutzen 29 Prozent der 16- bis 29-Jährigen täglich KI, bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 22 Prozent.

Nutzung ist aber nicht dasselbe wie Kompetenz. Eine Studie von Michael Gerlich mit 666 Teilnehmenden fand: Jüngere zeigten eine höhere Abhängigkeit von KI-Tools und schnitten beim kritischen Denken schlechter ab als Ältere. Bildung wirkte dagegen als Schutz, unabhängig vom Alter. Auch hier gilt: Das ist eine Korrelation, kein Beweis.

Junge Menschen bringen oft die Werkzeugkompetenz mit. Urteilskompetenz wächst dagegen mit Erfahrung und Bildung, und die braucht es, um KI-Ergebnisse richtig einzuordnen.

Drittes K: Kritikfähigkeit

Die größte Gefahr ist nicht die falsche Antwort, sondern die bequeme. KI-Systeme neigen dazu, uns zuzustimmen. Wer nur mit der KI spricht, bekommt seine eigenen Gedanken häufig gut formuliert zurück, statt eine echte Gegenposition.

Das ist keine Theorie. Im April 2025 musste OpenAI ein Update von ChatGPT zurücknehmen, weil das Modell übertrieben schmeichelnd und zustimmend geworden war.

Eine Befragung von Microsoft Research und der Carnegie Mellon University unter 319 Wissensarbeitenden zeigt, worauf es ankommt. Wer der KI stark vertraut, denkt weniger kritisch nach. Wer seinen eigenen Fähigkeiten vertraut, denkt mehr kritisch nach.

Kritikfähigkeit heißt deshalb auch Debattenstärke: die KI bewusst nach Gegenargumenten fragen, Ergebnisse prüfen und andere Perspektiven einholen. Eine Organisation, in der alle nur noch ihre eigene Meinung bestätigt bekommen, wird nicht klüger. Sie verliert die Reibung, aus der gute Entscheidungen entstehen.

Das vierte K: Kollaboration

Die drei K haben einen gemeinsamen Nenner: Sie entstehen zwischen Menschen.

Hier liegt ein Paradox. Kontext wächst durch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Wenn alle nur noch mit der KI reden, versiegt genau die Quelle, aus der Kontext entsteht. Hinzu kommt ein Dilemma: Wenn Organisationen weniger Berufseinsteiger einstellen, weil die KI deren erste Aufgaben übernimmt, fehlt in zehn Jahren das Erfahrungswissen von morgen.

Die Antwort sind Generationen-Tandems. Erfahrene bringen Kontext ein, Jüngere bringen Werkzeugwissen mit. Beide fordern sich gegenseitig heraus und trainieren so ihre Kritikfähigkeit. Die KI wird dann nicht zum Ersatz für das Gespräch, sondern zu seinem Werkzeug.

Praxisblick: Digitale Verwaltung und Softwareentwicklung

KI trifft nicht ganze Berufe, sondern einzelne Tätigkeiten, und zwar unterschiedlich stark. Das zeigt sich besonders deutlich in zwei Feldern, die eng zusammenhängen.

Digitale Verwaltung

Viel Verwaltungsarbeit ist textbasiert und regelgebunden: Anträge prüfen, Bescheide formulieren, Anfragen beantworten. Genau das kann KI gut unterstützen. Doch gute Verwaltung ist mehr als Regelanwendung. Ermessen, Einzelfallgerechtigkeit und das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern brauchen Kontext.

Gleichzeitig steht der öffentliche Dienst vor einem Generationenwechsel. Laut dbb scheiden in den nächsten zehn Jahren rund 1,39 Millionen Beschäftigte altersbedingt aus, etwa 27 Prozent. KI kann helfen, diese Lücke zu schließen. Aber mit den Erfahrenen geht genau der Kontext, den die KI nicht hat. Wer KI einführt, sollte das deshalb auch als Projekt für Wissensweitergabe verstehen.

Softwareentwicklung

Auch innerhalb der IT ist die Exposition sehr unterschiedlich. Nach meiner Einschätzung ist sie bei Standardcode, Tests und Dokumentation hoch, denn diese Aufgaben sind gut beschrieben und in den Trainingsdaten mit vielen Beispielen vertreten. Bei der Fehlersuche im bestehenden System liegt sie im Mittelfeld: KI hilft, braucht aber Wissen über das System. Gering ist sie überall dort, wo es auf mehr ankommt als auf Code. Wer Anforderungen mit dem Fachbereich klärt, braucht Fachwissen, Gespräche und ein Gespür für unausgesprochene Erwartungen. Architektur und Integration gewachsener Systeme verlangen Wissen über Altsysteme, Schnittstellen und deren Geschichte. Und im Betrieb muss jemand abwägen, Verantwortung tragen und unter Unsicherheit entscheiden.

Wie wichtig Kontext und Kritikfähigkeit hier sind, zeigt eine Studie des Forschungsinstituts METR aus dem Jahr 2025. Erfahrene Entwickler arbeiteten mit KI-Werkzeugen an ihren eigenen, großen Projekten im Schnitt 19 Prozent langsamer. Sie selbst schätzten hinterher, sie seien 20 Prozent schneller gewesen. Ein Grund: Erfahrene stützen sich auf undokumentiertes Wissen über ihren Code, auf das die KI keinen Zugriff hat. Die Studie umfasste nur 16 Entwickler und Werkzeuge von Anfang 2025, sie ist also kein allgemeines Urteil.

Daraus folgt ein Dilemma. Die Einstiegsaufgaben, an denen Nachwuchskräfte bisher gelernt haben, sind genau die am stärksten exponierten. Wer sie komplett der KI überlässt, spart heute Zeit und verliert morgen die erfahrenen Architektinnen und Architekten.

Wie erleben Sie das in Ihrer Organisation? Wer bringt bei Ihnen den Kontext ein, und wer die Werkzeugkompetenz?

 

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