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2000 Jahre Gelassenheit – und warum sie immer noch wichtig ist

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2000 Jahre Gelassenheit – und warum sie immer noch wichtig ist

Stoizismus: Von Mark Aurel bis Mel Robbins


1. Der antike Ursprung: Kontrolle über die eigene Haltung

Der Stoizismus entstand im 3. Jahrhundert v. Chr. in Athen. Sein Begründer war Zenon von Kition, der unter einer bemalten Säulenhalle – der Stoa Poikile – lehrte. Von diesem Ort erhielt die Schule ihren Namen. Später prägten vor allem:

  • Epiktet
  • Seneca
  • Mark Aurel

den Stoizismus in seiner römischen Ausprägung. Ihr zentrales Prinzip ist bis heute erstaunlich modern. Es lautet: „Unterscheide zwischen dem, was in deiner Macht steht – und dem, was nicht“. Äußere Ereignisse sind nicht vollständig kontrollierbar. Aber unsere Urteile, Reaktionen und Haltungen sind es. Innere Freiheit entsteht durch Selbststeuerung – nicht durch Weltkontrolle.


2. Spätantike und Mittelalter: Integration statt Verschwinden

Mit dem Aufstieg des Christentums verschwand der Stoizismus nicht. Seine Gedanken wurden integriert. Stoische Motive fanden Eingang in die christliche Ethik:

  • Gelassenheit gegenüber dem Schicksal
  • Selbstprüfung und Gewissenserforschung
  • Tugend als Lebensaufgabe

Bei Thomas von Aquin zeigt sich diese Nähe besonders deutlich. Die Verbindung von Vernunft, Tugend und Selbstdisziplin ist strukturell stoisch, auch wenn sie theologisch eingebettet wird. Stoische Selbstführung wurde zu einer Form innerer Frömmigkeit.


3. Renaissance und Neostoizismus: Stabilität in unsicheren Zeiten

Im 16. Jahrhundert, geprägt von Religionskriegen und politischer Instabilität, erlebte der Stoizismus eine bewusste Wiederbelebung. Eine zentrale Figur war Justus Lipsius. Er verband stoische Selbstdisziplin mit christlicher Moral und entwickelte den Neostoizismus als Antwort auf gesellschaftliche Unsicherheit. Die Stoiker wurden erneut zu Denkern der Stabilität in instabilen Zeiten.


4. Aufklärung und Neuzeit: Autonomie und Selbstgesetzgebung

In der Aufklärung verschiebt sich der Fokus stärker auf Vernunft und Autonomie. Stoische Elemente bleiben jedoch wirksam:

  • Selbstverantwortung
  • moralische Selbstbindung
  • innere Gesetzgebung

Bei Immanuel Kant steht zwar nicht Gelassenheit im Zentrum, aber die Idee, dass der Mensch sich selbst moralische Maßstäbe setzt, ist dem stoischen Ideal innerer Autonomie verwandt.


5. Moderne Psychologie: Die säkulare Wiederentdeckung

Im 20. Jahrhundert kehren stoische Gedanken in psychologischer Form zurück. Die kognitive Verhaltenstherapie – etwa bei Albert Ellis – greift explizit einen stoischen Grundsatz auf. Er sagt, dass nicht Ereignisse emotionale Reaktionen verursachen, sondern unsere Bewertungen dieser Ereignisse. Aus Philosophie wird Methode. Aus Lebenskunst wird Therapie.


6. Gegenwart: Pop-Stoizismus

In aktueller Ratgeberliteratur taucht das Grundmotiv erneut auf:

  • Konzentriere dich auf deinen Einflussbereich.
  • Lass andere handeln, wie sie handeln.
  • Übernimm Verantwortung für deine Reaktion.

Ein prominentes Beispiel ist The Let Them Theory von Mel Robbins. Die Sprache ist psychologisch, alltagsnah, digital anschlussfähig. Der Kern bleibt stoisch.


2. Stoizismus im digitalen Zeitalter

7. Die neue Herausforderung: Dauererregung

Unsere Gegenwart ist geprägt von:

  • permanenter Bewertung in Echtzeit
  • algorithmisch verstärkter Empörung
  • politischer Polarisierung
  • sozialem Vergleich unter Dauerbeobachtung

Der Impuls lautet: Reagiere sofort.

Digitale Plattformen belohnen Geschwindigkeit, Zuspitzung und Emotionalität.
Aufmerksamkeit wird zur knappen Ressource. In dieser Umgebung wird stoische Gelassenheit zu einer Gegenkultur.


8. Aufmerksamkeit als Einflussbereich

Die stoische Dichotomie der Kontrolle lässt sich heute neu lesen:

Was liegt in meiner Macht?

  • meine Reaktion auf Kommentare
  • meine Entscheidung, ob ich mich empöre
  • meine Zeit, die ich investiere
  • meine Aufmerksamkeit

Was liegt nicht in meiner Macht?

  • der Algorithmus
  • die Meinung anderer
  • globale Entwicklungen
  • digitale Dynamiken

Stoizismus bedeutet nicht, sich zurückzuziehen.
Er bedeutet, bewusst zu entscheiden, wo Energie sinnvoll eingesetzt wird.


9. Gelassenheit ist keine Passivität

Ein häufiger Vorwurf lautet: Stoizismus mache passiv. Doch historisch war das Gegenteil der Fall. Mark Aurel war Kaiser. Seneca war Staatsmann. Epiktet unterrichtete aktiv. Stoische Gelassenheit heißt nicht, nichts zu tun. Sie heißt, aus innerer Stabilität heraus zu handeln – nicht aus Affekt. Gerade im digitalen Raum ist das eine anspruchsvolle Disziplin.


10. Warum Stoizismus wiederkehrt

Vielleicht erklärt genau das seine Renaissance:

  • Die äußere Welt wird komplexer.
  • Die Informationsdichte steigt.
  • Polarisierung nimmt zu.

Stoizismus verspricht keine bessere Welt. Er verspricht einen stabileren Umgang mit ihr. Seit über 2000 Jahren bleibt der Kern gleich: Die äußere Welt ist volatil. Die innere Haltung ist gestaltbar.

Von Zenon bis Mel Robbins zieht sich eine Linie. Die Begriffe wechseln. Die Technologien ändern sich. Die menschliche Grundstruktur bleibt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Modernität der Stoa:
Sie gibt keinen Plan für die Welt – sondern einen Kompass für das eigene Handeln.

 

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