Wieder scheitern. Besser scheitern.

„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“
– Samuel Beckett, Worstward Ho
Wenn es um Lernen aus Fehlern geht, kann man mit diesem Zitat von Samulel Beckett die verschiedenen Aspekte, die damit zusammenhängen, gut beleuchten. Es wirkt zunächst ernüchternd. Wer möchte schon scheitern? In einer Welt, in der Erfolg gefeiert und Fehler möglichst vermieden werden, klingt die Aufforderung „Scheitere besser“ fast provokant.
Doch Beckett fordert nicht dazu auf, Fehler zu glorifizieren oder Fehler zu ignorieren. Er beschreibt vielmehr eine Realität: Wer Neues wagt, wird scheitern. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir scheitern, sondern wie wir damit umgehen.
Innovation beginnt fast immer mit Unsicherheit. Neue Technologien funktionieren nicht auf Anhieb. Projekte verlaufen anders als geplant. Prozesse müssen angepasst werden. Manche Ideen erweisen sich als Sackgasse. Wer all das vermeiden möchte, wird zwangsläufig auch den Fortschritt vermeiden.
Gerade in der öffentlichen Verwaltung stehen wir häufig in diesem Spannungsfeld. Einerseits erwarten Bürgerinnen und Bürger zu Recht verlässliche und rechtssichere Verfahren. Andererseits verändert sich unsere Umwelt immer schneller. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue gesetzliche Anforderungen verlangen kontinuierliche Anpassung. Wer ausschließlich auf Sicherheit setzt, läuft Gefahr, irgendwann nicht mehr handlungsfähig zu sein.
Deshalb braucht Veränderung eine andere Fehlerkultur.
Eine gute Fehlerkultur bedeutet nicht, Verantwortung aufzugeben oder schlechte Arbeit zu akzeptieren. Sie bedeutet auch nicht, Fehler zu feiern. Sie bedeutet vielmehr, Fehler früh sichtbar zu machen, aus ihnen zu lernen und sie möglichst nur einmal zu machen.
Das unterscheidet erfolgreiche Organisationen von weniger erfolgreichen. Erfolgreiche Organisationen versuchen nicht, Fehler vollständig zu verhindern. Sie sorgen dafür, dass Fehler klein bleiben, früh erkannt werden und Wissen entsteht.
In der Softwareentwicklung ist dieses Prinzip längst selbstverständlich. Kaum jemand würde heute erwarten, dass komplexe Programme beim ersten Versuch perfekt funktionieren. Stattdessen entwickelt man schrittweise, testet kontinuierlich und verbessert fortlaufend. Jeder Fehler liefert Informationen darüber, wie das System besser werden kann.
Warum sollte das bei Organisationen anders sein?
Auch Veränderungen in Behörden oder Unternehmen lassen sich selten vollständig am Schreibtisch planen. Viele Erkenntnisse entstehen erst in der praktischen Anwendung. Kleine Pilotprojekte, kontrollierte Experimente und regelmäßige Rückmeldungen reduzieren deshalb häufig das Risiko stärker als monatelange Planung.
Das eigentliche Risiko besteht oft nicht im Experimentieren, sondern darin, aus Angst vor Fehlern gar nichts zu verändern.
Dabei hilft ein Perspektivwechsel. Fehler sind nicht automatisch das Gegenteil von Qualität. Wiederholte Fehler ohne Lernprozess sind das Problem. Ein Fehler, der analysiert wird und zu einer besseren Lösung führt, erhöht langfristig sogar die Qualität.
Das gilt ebenso für Führung. Führungskräfte prägen die Fehlerkultur ihrer Organisation maßgeblich. Wenn ausschließlich perfekte Ergebnisse erwartet werden, entstehen Unsicherheit und Schweigen. Probleme werden spät angesprochen, Risiken verborgen und Chancen verpasst. Wenn dagegen offen über Irrtümer gesprochen werden kann, entstehen Vertrauen und Lernen.
Eine lernende Organisation zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass sie keine Fehler macht. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie schneller lernt als ihre Herausforderungen wachsen.
Dies ist genau die eigentliche Botschaft von Samuel Beckett.
Nicht jeder Versuch wird erfolgreich sein. Nicht jede Idee wird funktionieren. Nicht jedes Projekt wird seine ursprünglichen Ziele erreichen. Entscheidend ist jedoch, dass jeder Rückschlag unsere nächste Entscheidung verbessert.
Scheitern ist dann kein Endpunkt mehr, sondern Teil des Lernprozesses.
Oder, um es mit Beckett zu sagen:
Versuchen. Scheitern. Lernen. Und beim nächsten Mal besser scheitern.