Kasperackerackerweg 15, 90482 Nürnberg, Germany
+49 (176) 62650675
info@bertramgeck.de

Das hörende Ohr – Weisheit und Wahrnehmung

Blog für Gesellschaft und Digitalisierung

Das hörende Ohr – Weisheit und Wahrnehmung

Was das Gilgamesch-Epos über Wahrnehmung, Weisheit und Veränderung lehrt

Nicht die lautesten Signale sind die wichtigsten.
Wichtig sind jene Signale, bei denen wir erkennen, dass sie wichtig sind.

In einer Welt aus Dauerkommunikation, Eindeutigkeitssuggestionen und wachsendem Grundrauschen gerät genau diese Fähigkeit zunehmend unter Druck. Vieles ist laut, vieles ist überzeugend formuliert, vieles beansprucht Bedeutung. Doch das Entscheidende kündigt sich oft anders an: leise, indirekt, irritierend.

Eine Warnung, die nicht ausgesprochen werden darf

Im Gilgamesch-Epos erhält Utanapishti eine Warnung vor der kommenden Flut. Doch diese Warnung darf nicht offen ausgesprochen werden. Sie wird nicht direkt an ihn adressiert, sondern indirekt formuliert – verschlüsselt, mehrdeutig, beinahe beiläufig.

Die Botschaft verlangt kein blindes Befolgen.
Sie verlangt Aufmerksamkeit.

Utanapishti hört – und versteht.

Diese Szene ist bemerkenswert, weil sie ein Menschenbild zeigt, das Verantwortung nicht an Eindeutigkeit koppelt. Erkenntnis entsteht nicht durch klare Anweisung, sondern durch die Fähigkeit, Bedeutung aus dem Unklaren heraus zu lesen.

Hören als Form der Erkenntnis

Erkenntnis entsteht hier nicht durch Sichtbarkeit oder Beweisführung. Sie entsteht durch das Hören. Durch die Fähigkeit, Bedeutungen wahrzunehmen, bevor sie sich materialisieren.

Das hörende Ohr steht für:

  • Sensibilität für Zwischentöne
  • Offenheit gegenüber Mehrdeutigkeit
  • die Bereitschaft, Unausgesprochenes ernst zu nehmen

Wer nur reagiert, wenn etwas offensichtlich wird, reagiert zu spät.
Wer hört, kann vorausdenken.

Hören ist dabei keine passive Haltung. Es ist eine aktive Form von Aufmerksamkeit – ein inneres Offenbleiben gegenüber dem, was nicht ins eigene Weltbild passt.

Weisheit beginnt mit Irritation

Menschen neigen dazu, bevorzugt das wahrzunehmen, was bestehende Überzeugungen bestätigt. Hinweise, die nicht ins Bild passen, werden überhört, relativiert oder als irrelevant abgetan. Diese Neigung gibt Sicherheit – und erzeugt Blindstellen.

Utanapishti handelt anders:

  • Er nimmt eine Botschaft ernst, die nicht in seine Erfahrungslogik passt.
  • Er akzeptiert Unsicherheit, statt auf Bestätigung zu warten.
  • Er handelt, bevor Gewissheit eintritt.

Der Mythos erzählt damit eine zeitlose Erkenntnis:
Weisheit beginnt dort, wo wir bereit sind, uns irritieren zu lassen.

Nicht jedes irritierende Signal ist wahr. Aber jede tiefgreifende Veränderung beginnt mit Irritation.

Veränderung kündigt sich selten laut an

Grundlegende Umbrüche kommen selten mit Sirenen. Sie zeigen sich in:

  • kleinen Widersprüchen
  • leisen Zweifeln
  • unbequemen Fragen
  • Randbemerkungen, die nicht ins gängige Bild passen

Das eigentliche Risiko liegt nicht im Nichtwissen, sondern im Überhören.

Gerade Organisationen und Gesellschaften scheitern oft nicht an fehlender Information, sondern daran, dass sie Hinweise ignorieren, die das eigene Selbstverständnis infrage stellen würden.

Warum Hinhören heute schwerer wird

In der Gegenwart wächst das Grundrauschen erheblich. Fake News, algorithmisch verstärkte Inhalte und KI-generierte Texte erzeugen eine Dauerlautstärke, die Relevanz simuliert.

Vieles klingt plausibel.
Vieles wirkt eindeutig.
Vieles ist professionell formuliert.

Gerade deshalb wird das hörende Ohr zur Schlüsselkompetenz. Nicht alles, was laut ist, ist wichtig. Und nicht alles, was wichtig ist, wird laut gesagt.

In einer zunehmend automatisierten Welt entscheidet nicht die Menge an Information, sondern die Fähigkeit zur Unterscheidung.

Das hörende Ohr als Haltung im Wandel

Wer Wandel gestalten will, braucht mehr als Tempo und Anpassungsfähigkeit. Er braucht Orientierung. Und diese entsteht nicht allein aus Zahlen, Dashboards oder Strategiepapiere, sondern aus der Fähigkeit, Signale richtig zu deuten.

Das hörende Ohr ist deshalb keine nostalgische Tugend, sondern eine Zukunftskompetenz:

  • für Führung
  • für Organisationen
  • für gesellschaftliche Orientierung

Es verbindet Offenheit mit Verantwortung. Und Aufmerksamkeit mit Handlungsfähigkeit.

Sensibilität als Zukunftsfähigkeit

Das Gilgamesch-Epos erinnert daran, dass Zukunftsfähigkeit mit Wahrnehmung beginnt. Mit der Bereitschaft, leise Hinweise ernst zu nehmen. Mit dem Mut, zwischen Grundrauschen und Bedeutung zu unterscheiden.

Nicht die lautesten Signale sind die wichtigsten.
Sondern jene, die unser Denken herausfordern – gerade weil sie sich nicht aufdrängen.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit:
ein hörendes Ohr zu bewahren, wenn alles lauter wird.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert